Eine Bewertung des Status quo und der Zukunft von empathischen KI-gestützten Triage-Systemen
PD Dr. Cornelius Werner ist Neurologe und Geriater mit den Schwerpunkten Bewegungsstörungen, neurogene Dysphagie und Neurorehabilitation. Er leitet die Abteilung für Neurologie und Geriatrie am Johanniter-Krankenhaus Genthin-Stendal und setzt sich für die Verbesserung der medizinischen Versorgung in seiner Region ein. Darüber hinaus leitet er eine Forschungsgruppe an der RWTH Aachen, die sich mit der Neurorehabilitation bei neurogenen Dysphagien, insbesondere bei neurodegenerativen Erkrankungen, sowie bei Aphasien beschäftigt. Das von Accenture geleitete Aphasieprojekt autoAAT hatte die Automatisierung des Aachener Aphasie-Tests zum Ziel und lief von Juli 2022 bis Juli 2025. audEERING®, das Universitätsklinikum Bonn und die RWTH Aachen waren Teil der Projektgruppe.
Frage 1: Wie nehmen Sie die aktuelle Diskussion um KI in der Patientenaufnahme und Triage in Ihrem Umfeld wahr? Gibt es bereits Pilotstudien oder konkrete Projekte?
Cornelius Werner: Aus meiner Sicht ist das noch sehr weit weg. Natürlich ist KI in der Medizin gerade ein großes Thema - fast jeder will sich in irgendeiner Form positionieren. Aber wenn es konkret um die Triage in der Notaufnahme geht, ist das extrem herausfordernd - auch ohne KI. Um ehrlich zu sein, kenne ich außer Ihrem Projekt derzeit niemanden, der sich ernsthaft mit diesem speziellen Bereich beschäftigt.
Wir sollten uns nichts vormachen: Der Alltag in einer Notaufnahme ist von ständigen Krisen geprägt. Man hat berauschte Patienten, panische Angehörige, Menschen, die nicht mehr ansprechbar sind. Und niemand weiß wirklich, was als Nächstes passieren wird. Der Gedanke, ein KI-System in diesem Kontext einzusetzen, erscheint vielen viel zu riskant - rechtlich und praktisch. Was ich sehe, ist eher eine Diskussion, die in Räumen stattfindet, die weit von der klinischen Realität entfernt sind. Ich habe noch keinen einzigen Kollegen sagen hören: "Wenn wir doch nur einen Roboter hätten, der das für uns erledigt."
Der Einsatz solcher Systeme ist denkbar, doch sollten sie zunächst in Bereichen mit geringerem Druck eingesetzt werden, z. B. in Form einer telefonischen Triage, wie sie in einigen Ländern diskutiert wird, oder in Bereitschaftsdiensten, die sich mit weniger kritischen Fällen befassen.
Frage 2: Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Anforderungen an ein System, das einfühlsam mit den Patienten kommuniziert - beispielsweise in Stress- oder Notfallsituationen?
CW: Ein solches System muss in erster Linie zwei Dinge gleichzeitig leisten können. Erstens muss es trotz unstrukturierter und oft vager medizinischer Angaben eine intellektuelle Einschätzung der Situation liefern. Zweitens muss es eine emotionale Deeskalation bieten. Fast jeder, der in eine Notaufnahme kommt, hat Angst - auch wenn er aggressiv oder gereizt wirkt.
Wir müssen bedenken: Patienten beschreiben ihre Symptome selten strukturiert. Sie sprechen von einem "komischen Gefühl" oder "Schwindelgefühl", und es ist die Aufgabe des Arztes - oder des Bots -, aus diesem Wortgewirr mithilfe heuristisch geleiteter Fragen medizinisch relevante Informationen zu extrahieren.
Gleichzeitig muss ein empathisches System kontextabhängig sein. Es reicht nicht aus, Wut zu erkennen - es muss auch verstehen, dass dahinter oft Angst steckt.
Frage 3: Welche Vorteile oder Risiken sehen Sie in einem KI-basierten Empfangssystem, das Sprache versteht, Emotionen erkennt und eine Triage durchführt?
CW: Ein solcher Bot hätte einen entscheidenden Vorteil: Geduld. Der 25. Patient mit unspezifischem Schwindel würde genauso freundlich behandelt werden wie der erste. Das ist im Krankenhausalltag keine Selbstverständlichkeit.
Was ich besonders interessant finde, ist die Idee der emotionalen Triage - nicht nur medizinisch, sondern auch gefühlsmäßig zu priorisieren. Es geht nicht darum, jemanden zu bevorzugen, weil er laut ist, sondern darum, zu erkennen, wer bei "1000 Grad" ist und wer eher bei "90". Wer braucht dringend emotionale Unterstützung, damit die Situation nicht eskaliert? Solche Frühwarnsysteme könnten helfen, viele Konflikte zu vermeiden - im Grunde eine Art "Wartezimmermanagement".
Frage 4: Wie reagieren Ihrer Erfahrung nach Patienten und Angehörige auf solche Technologien? Gibt es Akzeptanz, Skepsis oder bestimmte Erwartungen?
CW: Das ist sehr unterschiedlich. In der Notaufnahme sprechen oft nicht die Patienten selbst, sondern ihre Angehörigen oder das Notfallpersonal. In solchen Situationen geht es weniger um Akzeptanz als vielmehr darum, ob etwas überhaupt funktioniert.
Ablehnung entsteht, wenn man das Gefühl hat, in einer Art Telefonwarteschleife geparkt worden zu sein und keinen Zugang mehr zu einem Menschen zu haben. Aber jüngere Menschen nutzen LLMs wie ChatGPT bereits als eine Art Co-Therapeut. Die Schwelle ist für sie sehr niedrig. In der Pflege - vor allem bei älteren Patienten - hängt die Akzeptanz stark von der Vertrautheit mit der Technik ab. Es gibt definitiv ein Altersgefälle.
Frage 5: Welche technischen, ethischen und logistischen Voraussetzungen müssten gegeben sein, damit Ihre Einrichtung die Einführung eines solchen Systems in Erwägung ziehen würde?
CW: Für jede Institution sind zwei Dinge wichtig: Erstens muss sie Kosten sparen - vor allem beim Personal. Zweitens muss sie rechtlich unangreifbar sein.
Das bedeutet ganz konkret: ein zertifiziertes Medizinprodukt, klar definierte Haftungsfragen und keine zusätzlichen Risiken für die Versicherung des Krankenhauses. Aber davon sind wir noch weit entfernt. Die Notaufnahme ist der Mount Everest der Medizin. Ich würde, wie gesagt, im Kleinen anfangen, zum Beispiel mit einer vorläufigen Telefontriage oder einem digitalen Wartezimmermanagementsystem.
Auch die politische Dimension darf nicht unterschätzt werden. Allgemeinmediziner wollen ihre Fälle nicht verlieren, und Krankenhäuser wollen nicht durch unnötige Notfälle überlastet werden. KI-gestützte Triage ist nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein sehr sensibles gesundheitspolitisches Thema.

